



24H Nürburgring 2026
Sieger
24H Nürburgring 2026- Rennbericht
Zehn Jahre Warten haben ein Ende: Mercedes triumphiert beim Drama der 24h Nürburgring 2026
Text: Paul Schnurpfeil, 17.05.2026 21:23
Nürburgring. Es gibt Rennen, die in die Geschichte eingehen, weil sie perfekt sind. Und es gibt Rennen, die unvergesslich werden, weil sie in ihrer ganzen Unberechenbarkeit das Wesen dieses Sports auf den Punkt bringen. Die 54. Auflage der 24 Stunden vom Nürburgring gehört zur zweiten Kategorie. Was am Samstag, dem 16. Mai 2026, um 15:00 Uhr vor der Rekordkulisse von 352.000 Zuschauern begann und 24 Stunden später mit einem Sieg des Winward-Mercedes #80 endete, war kein makelloses Rennen. Es war besser als das. Es war das Nürburgring-24-Stunden-Rennen in seiner reinsten Form: brutal, schön, herzzerreißend und atemberaubend zugleich.
Maro Engel, Fabian Schiller, Luca Stolz und Maxime Martin gewannen mit dem Winward-Mercedes-AMG GT3 Nummer 80 den Eifelklassiker und beendeten damit eine zehnjährige Siegesserie ohne die Stuttgarter auf der Nordschleife. Der letzte Mercedes-Triumph datiert ebenfalls von Maro Engel, der 2016 in dramatischen Schlussrunden Christian Hohenadel überholt hatte. Zehn Jahre später schreibt der Schweizer das nächste Kapitel seiner persönlichen Nordschleifen-Saga – diesmal nicht durch einen Angriff in der letzten Runde, sondern durch das kälteste aller Schicksale: ein technisches Versagen beim Schwesterauto, das bis drei Stunden und zwanzig Minuten vor dem Ziel die sichere Siegerposition innehatte. Denn dieser Triumph trägt von Beginn an das Gesicht von Max Verstappen. Der viermalige Formel-1-Weltmeister, der zu seinem Debüt auf dem Nürburgring angereist war und vom ersten Moment an die ungeteilte Aufmerksamkeit von 1.200 Medienvertretern auf sich zog, lieferte ein Rennen ab, das alle Erwartungen übertraf – und am Ende mit bitterem Pech endete.
Begonnen hatte alles auf dem Qualifying-Tag am Freitag, dem 15. Mai, der Verstappen und seinen Mitbewerbern gleich die volle Bandbreite des Eifeler Wettermusters präsentierte. Hagel, Sonnenschein, Regen – die Qualifyingsessions am Donnerstag und Freitag liefen unter wechselnden Bedingungen, die das Ziel für die Teams erschwerten, eine konsistente Rundenzeit einzufahren. Im ersten und zweiten Qualifying-Segment war Verstappen früh aktiv und brachte den Mercedes-AMG GT3 #3 souverän bis in das entscheidende TopQ3. Im dritten Qualifyingabschnitt am Freitagvormittag fuhr der Niederländer zwischenzeitlich sogar Bestzeit, doch das Team entschied, ihn bereits in TQ2 einzusetzen, sodass er im finalen TopQ3 nicht selbst eine Pole-Attacke fahren würde. Diese Aufgabe übernahm Daniel Juncadella, der mit einer Rundenzeit von 8:12,005 Minuten den vierten Startplatz herausfuhr. Wer die Poleposition holte, war eine der großen Überraschungen des Wochenendes bereits vor dem eigentlichen Rennen: Abt Sportsline sorgte für ein komplettes Lamborghini-Doppelpack in der ersten Startreihe. Luca Engstler schnappte sich im #84-Huracan die Poleposition, Teamkollege Marco Mapelli stellte den #130 auf Rang zwei. Christopher Haase im Scherer-PHX-Audi sicherte sich Platz drei. Maro Engels #80 Winward-Mercedes war kurz zuvor durch einen Unfall im TopQ3 aus dem Rennen geflogen und musste mit Startplatz 25 vorlieb nehmen – eine Ausgangslage, die im Ziel zum triumphalen Gegensatz werden sollte. Die Stimmung am Rennsamstag war von einer Energie geprägt, wie sie die Nordschleife selten erlebt hatte. Die Tribünen waren bei kühlen, aber zunächst trockenen Bedingungen bis auf den letzten Platz besetzt. Die vielen mitgereisten niederländischen Fans, erkennbar an ihrem orangefarbenen Meer in den Zuschauerbereichen, machten aus dem Eifelwald eine Art mobile Orange-Arena. Es war prachtvoll. Und dann ertönte um 15 Uhr das Signal zum Start.
Was in den ersten Minuten folgte, war das typische, chaotische Früh-Ehe des 24h-Rennens, in dem 161 Fahrzeuge unterschiedlichster Klassen, Geschwindigkeiten und Fahrerqualitäten auf denselben 25 Kilometern unterwegs sind. Das erste große Drama traf ausgerechnet den Polesetter. Schon in Kurve zwei touchierte der Verstappen-Mercedes #3 den Abt-Lamborghini #84 von hinten. Die Folge: ein Reifenschaden beim Lamborghini, der über den Grand-Prix-Kurs einbiegen musste und mit einem Rückstand von über drei Minuten in das Rennen einstieg. Für Abt-Teamchef Martin Tomczyk – für den dieses Rennen sein Abschied als Teamchef war – platzte sofort der Kragen. Dass der Kontakt nicht bestraft wurde, vergrößerte seinen Ärger zusätzlich. Sein anderer Lamborghini, Wagen #130, fing sich beim Start eine Strafe für einen Frühstart ein, erlitt anschließend ebenfalls einen Reifenschaden und erlebte einen kompletten Renntag zum Vergessen. Verstappens Auftritt in der Anfangsphase hingegen ließ die Zuschauer aufhorchen. Der Niederländer trieb den Mercedes-AMG GT3 durch das Feld, mit einer Kombination aus Instinkt, Wagemut und einer Präzision, die zeigt, warum er vierfacher Weltmeister ist. Sein einziger Moment echter Gefahr ereignete sich am Pflanzgarten 2, wo er kurz Unterluft bekam und einen Einschlag gerade noch verhindern konnte. Ansonsten dominierte der Niederländer die ersten Stunden des Rennens nach Belieben. In der Nacht lieferte er sich ein heißes Duell mit Maro Engel im Schwesterauto, das die Fachleute im Fahrerlager ins Schwärmen brachte. Im Bereich Tiergarten kam es dabei zu einer Berührung der beiden Winward-Mercedes – Engel räuberte kurz über die Wiese, konnte aber weiterfahren. Zu diesem Zeitpunkt war die Spitzengruppe bereits deutlich ausgedünnt. Der Manthey-Porsche #911 „Grello" mit Kevin Estre, Ayhancan Güven, Thomas Preining und Matt Campbell hatte sich in den ersten Stunden als ernsthafter Herausforderer der Mercedes-Phalanx präsentiert. Kevin Estre brachte den grellgelben Neunelfer in die Spitzengruppe, doch dann traf den Grello das härteste aller Schicksale: Eine Ölspur im Brünnchen-Bereich, die vom Four-Motors-Porsche #320 stammte, erwischte Estre völlig unvorbereitet. Es gab keine Warnflaggen, keinen Hinweis auf die Gefahr. Der Porsche schlug rückwärts ein, ein Riemen sprang vom Motor ab. Estre schleppte das Fahrzeug noch bis zum Stefan-Bellof-S, dann war das Rennen für den Grello beendet. Der Franzose zeigte sich hinterher besonnen: Die Ölspur habe ihn überrascht, es habe weder Flaggen noch einen Vorausfahrenden gegeben, der ihn hätte warnen können. Das Team Manthey bestätigte, dass ihm keinerlei Schuld traf. Direkt hinter Estre traf es auf derselben Ölspur auch Arjun Maini im HRT-Ford Mustang GT3 #64. Der Inder schlug vehement ein, ein Gegenpendler verschlimmerte den Aufprall. Glücklicherweise blieb auch er unverletzt. Kurz darauf schied auch der Scherer-PHX-Audi #16 aus – Alexander Sims geriet in der dritten Stunde in eine unübersichtliche Code-60-Situation, fuhr einem KCMG-Mercedes ins Heck und beide Fahrzeuge schieden aus. Christopher Haase hatte bis dahin alles gegeben, um das Fahrzeug in der Spitzengruppe zu halten.
Übrig blieben im Kampf um die Gesamtführung die beiden Winward-Mercedes. Eine merkwürdige, fast unwirkliche Konstellation: Zwei Fahrzeuge desselben Teams an der Spitze eines der größten Rennen der Welt. Das Team entschied sich, die Positionen nicht künstlich einzufrieren und ließ die Fahrer racing fahren. Verstappens #3 führte, Engels #80 folgte in unmittelbarer Nähe. Die härtesten Kämpfe in der Nacht fanden teamintern statt. Hinter den beiden Winward-Mercedes hielt sich der Walkenhorst-Aston-Martin #34 mit Christian Krognes, Mattia Drudi, Nicki Thiim und Felipe Fernandez Laser bemerkenswert beständig. Das Quartett fuhr ein nahezu makelloses Rennen, ohne größere Zwischenfälle und mit einer Strategie, die auf Konstanz und Fehlervermeidung ausgelegt war. Am Sonntagmorgen war der #34 Aston Martin einer von wenigen Fahrzeugen, die das Rennen bis dahin weitgehend unversehrt überstanden hatten. Auch der Rowe-BMW #99 mit Dan Harper, Jörg Hesse, Sheldon van der Linde und Dries Vanthoor hatte sich trotz eines turbulenten Starts in die vorderen Positionen vorgearbeitet. Harper war in der ersten Runde Opfer einer Kettenreaktion geworden – der Lionspeed-Porsche #24 und der Black-Falcon-Porsche #48 waren involviert, der BMW drehte sich in der Goodyear-Kehre. Zusätzlich kassierte Dries Vanthoor später eine 45-Sekunden-Strafe, weil er in einer Code-120-Zone 1,8 km/h zu schnell gewesen war. Trotzdem arbeitete sich das Team in den Schlussabschnitten nach vorne. Doch die wahre Geschichte dieses Rennens wurde um 11:40 Uhr Sonntagvormittag geschrieben, als Daniel Juncadella mit dem führenden Verstappen-Mercedes in die Box rollte und nicht mehr herausfuhr. Eine defekte Antriebswelle, die auch weitere Teile der Radaufhängung hinten rechts in Mitleidenschaft gezogen hatte, beendete abrupt alle Träume vom ersten 24-Stunden-Sieg des vierfachen Weltmeisters. Drei Stunden und zwanzig Minuten vor dem Ziel war die Entscheidung gefallen – zugunsten des Schwesterautos. Juncadella zeigte sich hinterher nüchtern und besonnen. Der Kontakt mit dem Lamborghini beim Start habe das Fahrzeug nicht beschädigt, sagte er. Die übrigen Momente im Rennen seien zwar haarig gewesen, aber nicht dramatisch genug, um den Defekt zu erklären. Es sei schlicht Pech. Und in diesem Sport gleichen Glück und Pech sich über die Zeit aus. Das Quartett Verstappen, Auer, Gounon und Juncadella hatte nach menschlichem Ermessen das schnellste Fahrzeug im Feld. Dass der Sieg ausblieb, ändert daran nichts. Für Maro Engel und seine Teamkollegen bedeutete der Defekt des Schwesterautos plötzlich klare Bahn. Der Winward-Mercedes #80 hatte von Startplatz 25 aus ein geduldiges, kluges Rennen gefahren. In einem entscheidenden Reifenwechsel-Moment kurz vor dem Zieleinlauf – es regnete leicht – traf das Team die goldrichtige Entscheidung und montierte geschnittene Slicks. Mit diesen Reifen navigierte Engel die letzten Stunden des Rennens souverän über die nasse Nordschleife.
Hinter dem Sieger entspann sich in der Schlussphase noch ein dramatischer Kampf um Platz zwei, der die Nerven der letzten müden Zaungäste noch einmal auf die Probe stellte. Drei Fahrzeuge kämpften: der Abt-Lamborghini #84, der sich trotz des frühen Reifenschadens in der ersten Runde auf saghafte Weise bis auf Platz zwei vorgearbeitet hatte – angetrieben von Rundenzeiten, die seinesgleichen suchen, darunter die schnellste Rennrunde von Luca Engstler in 8:08,758 Minuten, nur eine Dreiviertelsekunde langsamer als der Streckenrekord aus dem Jahr 2023. Dann der Walkenhorst-Aston-Martin #34 mit Mattia Drudi am Steuer, der auf geschnittenen Slicks in den letzten Runden aufzuholen begann. Und der Rowe-BMW #99. In der letzten Runde geriet Drudi auf der Döttinger Höhe in eine Code-60-Zone – und verlor so die hart erkämpfte Sekunde zu Platz zwei wieder. Der Lamborghini #84 fuhr mit etwa 40 Sekunden Rückstand auf den siegreichen #80 als Zweiter ins Ziel, der Aston Martin #34 wurde Dritter, der BMW #99 belegte Rang vier. Platz fünf war einem Fahrzeug vorbehalten, das in diesem Jahr eigentlich gar nicht hätte auf der Liste möglicher Topfünf-Platzierer stehen sollen: dem BMW M3 Touring 24H. Der umgebaute Kombiwagen, der aus einem Aprilscherz des Vorjahres entstanden war, bewies 24 Stunden lang, dass er kein reiner Marketinggag ist. Mit Jens Klingmann, Connor De Phillippi, Ugo de Wilde und Neil Verhagen am Steuer arbeitete sich der Kombi beständig durchs Feld, war im Mittelfeld der GT3-Boliden eine feste Größe und beendete das Rennen auf Gesamtrang fünf. In der Fahrerlager-Sprache sagt man: Das Auto hat die Arbeit erledigt. Beim M3 Touring war das ein Understatement. Auf Platz sechs folgte der Lionspeed-Porsche #24 mit Laurin Heinrich, Laurens Vanthoor und Ricardo Feller als bester Porsche 911 GT3 R. Sieben und acht belegten der HRT-Ford #67 und der Dinamic-Porsche #54, der in der letzten Runde vom Ford noch überholt wurde. Die Plätze neun und zehn gingen an den Schubert-BMW #77 und den Black-Falcon-Porsche #48, der zugleich die SP9 Pro-Am-Klasse gewann. Das Rennen forderte auch seinen Tribut an Fahrzeugen, die ursprünglich als Siegkandidaten galten. Der Kondo-Ferrari #45 schied bereits in der zweiten Stunde nach einem Unfall aus. Der Rowe-BMW #1 mit Augusto Farfus, Raffaele Marciello und weiteren Werksfahrern kämpfte die gesamte Nacht mit Problemen beim Nachtanken, wurde repariert und danach endgültig zurückgezogen. Der Falken-Porsche #44 verunfallte um 23:30 Uhr nach einem Kontakt mit einem anderen Fahrzeug am Flugplatz und musste an der Hohen Acht abgestellt werden. Der Dinamic-Porsche #55 brannte nach einem Abflug im Brünnchen lichterloh – ein spektakuläres, aber glücklicherweise für den Fahrer unblutiges Ende. Timo Glock im Dörr-McLaren #69 wurde disqualifiziert, weil er sich mit einem dritten Strafpunkt für ein Code-60-Vergehen den automatischen Entzug seines DMSB-Permit-Nordschleife einhandelte.
Emotionaler Mittelpunkt des Finales blieb Maro Engel, der das Fahrzeug zur Ziellinie trug. Kurz vor Schluss flog einem vorausfahrenden Fahrzeug der Auspuff weg und verfehlte den Mercedes nur knapp – ein typisches Nordschleifenmoment, der jeden Anwesenden kurz innehalten ließ. Dann passierte der Winward-Mercedes #80 die Ziellinie. 155 Runden, 24 Stunden, zehn Jahre Warten auf einen Mercedes-Sieg auf der Nordschleife. Für Maxime Martin war es der emotionalste Moment seiner Karriere. Der Belgier hatte das Rennen 15 Mal zuvor versucht, war dreimal Zweiter geworden. Und sein Vater Jean-Michel Martin hatte 1992 mit Christian Danner, Johnny Cecotto und Marc Duez auf einem BMW M3 E30 hier gewonnen. „Ich war zum 15. Mal hier am Nürburgring. Ich war schon dreimal Zweiter, jetzt habe ich es endlich geschafft. Ein Traum ist für mich wahr geworden. Mein Vater hat hier gewonnen, und jetzt ich auch", sagte er unmittelbar nach dem Zieleinlauf. Fabian Schiller erinnerte daran, wie schwierig der Ausgangspunkt gewesen war. Von Startplatz 25 sei man gestartet, sagte er, was nicht optimal sei. Aber beim 24-Stunden-Rennen auf der Nordschleife gehe es nicht immer um den Startplatz. Man habe sich mit guten Stints von Maro direkt nach vorne arbeiten können. Und als es angefangen habe zu regnen, habe das Team die richtige Reifenentscheidung getroffen. Mirko Bortolotti im zweitplatzierten Lamborghini gab den Ton seiner Stimmung so wider, wie sie bei einem solchen Rennen oft klingt: eine Mischung aus Erschöpfung, Stolz und dem Bewusstsein, das Maximum aus einer schlechten Ausgangslage herausgeholt zu haben. Von Platz 45 nach einer Stunde bis auf Platz zwei – diese Aufholjagd sei unvergesslich, sagte er.
Was bleibt von dieser 54. Auflage der 24 Stunden vom Nürburgring? Ein neuer Zuschauerrekord: 352.000 Menschen pilgerten an die Eifel, mehr als je zuvor bei einem 24-Stunden-Rennen weltweit. Erstmals übertrumpfen die 24h Nürburgring damit sogar das legendäre 24-Stunden-Rennen von Le Mans, das seinen Besucherrekord bei 332.000 Fans hatte. Ein Sieg für Mercedes nach zehn Jahren Pause. Ein Max Verstappen, der die Nordschleife in 24 Stunden in sein Herz geschlossen hat und trotz des bitteren Endes begeistert war. Ein BMW M3 Touring, der auf Platz fünf landete und den Gerüchten ein Ende bereitete, er sei nur ein Showfahrzeug. Und eine Nordschleife, die wieder einmal ihren Ruf untermauert hat: Hier entscheidet nicht nur die Schnelligkeit. Hier entscheidet das Schicksal.
Die 55. Auflage der 24 Stunden vom Nürburgring findet vom 27. bis 30. Mai 2027 statt. Es wird Zeit, wieder zu träumen.
































